3. Kapitel

Es war ein erhebendes Gefühl, an Bord der Fähre zu stehen, über den Sund zu schauen und Schweden zu begrüßen. Kärnan, der Wehrturm und Helsingborgs Wahrzeichen, ragte über die Stadt, und weiter südlich lugte die Insel Hven aus dem Wasser. Die Sonne schien, ich hatte Hunger - bessere Bedingungen zum Geigespielen gab es gar nicht. Aber der allererste Anfang ist auch der schwierigste! Nachdem ich meinen Rucksack in ein Bahnhofsschließfach verbannt hatte, spazierten Geige und ich erst einmal durch das Städtchen. Es gab ja so viel zu sehen! Ich drückte mich beharrlich davor, eine passende Bank in der Fußgängerzone zu suchen und loszulegen. Das Öffnen des Geigenkasten war sowieso immer der schlimmste Augenblick: Wenn die Leute schon neugierig guckten, aber noch keine Musik ertönte, wenn der Bogen noch nicht gespannt war, die Geige verstimmt und das Tuch aus dem Kasten flatterte! Vielleicht hatte ich nach einem ganzen Jahr strengen Studiums in Deutschland die schwedischen Lieder und Weisen vergessen? Womöglich konnte die Geige sie nicht mehr und niemand soufflierte uns! Panik! Außerdem sah ich ein Wölkchen am Himmel, und meine Geige war wasserscheu.
Himmel und Hunger hatten kein Einsehen mit uns, und so überwand ich meinen toten Punkt, guckte mir ein hübsches Plätzchen mitten im Einkaufsgewimmel aus und begann das Konzert mit dem Värmlandslied. Diese melancholische Weise, die schon Smetana so geschätzt hat, das er sie für seine "Moldau" klaute, ist immer ein guter Anfang. Alle Schweden kennen und lieben sie, und wenn da noch ein Mädchen, blau-gelb gekleidet wie die schwedische Fahne, diese Töne einer Geige entlockte, war das Mittagessen meist schon gerettet. In der dritten Strophe hatte sich auch mein Herz soweit beruhigt, dass ich die amüsierten Blicke der Passanten ertrug. Zugegeben - sie schauten schon immer recht komisch, wenn ich Geige spielte. Das liegt daran, dass ich eigentlich gar nicht Geige spielen kann. Ich bin Cellistin. So ein Cello ist aber ein völlig ungeeigneter Reisebegleiter, und den Bauchnabel hatte ich mir bereits einmal gebrochen und war nicht erpicht darauf, das wegen eines massivholzschweren Cellokastens auf dem Buckel zu wiederholen. Deshalb nahm ich stets die kleine Schwester Geige mit nach Schweden, klemmte sie zwischen die Beine und spielte sie wie ein Cello. Am Kinn hätte ich keinen geraden Ton herausgebracht, zwischen den Knien aber hatte ich inzwischen trotz der Schrumpfverhältnisse eine ganz passable Privatspielweise ausgeklügelt, die zwar höchst merkwürdig aussah, aber gerade deswegen ungeheuer lukrativ war. Die Leute blieben sofort stehen und starrten.
Es dauerte nicht lange, und die silbernen Kronen prasselten in den Kasten. Ich spielte mich durch mein Schweden-Repertoire, und nach etwa einer Stunde sagte mir mein Blick in die Münzsammlung zu meinen Füßen, dass ich ruhig Feierabend machen konnte. So wickelte ich die Geige in ihren Seidenschal und bettete sie auf Münzen. Der Kasten schepperte, als ich ihn schulterte, und er war bedeutend schwerer geworden. Eine Handvoll Geld setzte ich sofort in Nahrung um, mit dem Rest pilgerte ich zum Hafen und zählte gespannt meinen Schatz. Es waren noch weit über hundert Kronen, und in allen Falten und Verstecken des Futters tauchten neue auf. Sehr zufrieden mit diesem Debüt setzte ich mich an den Pier und ließ die Beine baumeln.

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