Vorwort

Ein berühmter Mann sprach einst die bedeutungsvollen Worte: „Das Theater ist ein Irrenhaus, die Oper aber die Abteilung für Unheilbare!“ Seit ich vor vier Jahren begonnen habe, in eben jener Abteilung zu arbeiten und noch dazu in einem Berufszweig, den die meisten Zeitgenossen bestenfalls aus Karikaturen kennen, nämlich als Souffleuse, stoße ich auf verständnislose Mienen. „Gibt es denn in der Oper überhaupt eine Souffleuse?“ wundert man sich. „Müssen Sie da singen?“ werde ich gefragt. Geduldig versuche ich immer wieder, meine Funktion zu erklären und erwecke meist Erstaunen. „Davon hat man als abendlicher Theaterbesucher keine Ahnung!“ heißt es dann. „Ist das ein richtiger Beruf?“
In der Tat zählt dieser Beruf zu den anonymsten und am wenigsten beachteten. „Die Öffentlichkeit kennt ihn nicht, ihm flicht im Unterschied zu den Mimen heute die Nachwelt keine Kränze“ schreibt „Die Welt“ über den Souffleur und kritisiert: „Das ist gewiß ungerecht... Eine Kulturgeschichte des Soufflierens ist fällig...“
So entschloß ich mich, die Opernsouffleuse zum Gegenstand meiner Zulassungsarbeit zu machen. Ich entwarf einen Brief, den ich in dreizehn Sprachen verfaßte, schickte ihn an über hundert Theater in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Italien, Spanien, Frankreich, den Niederlanden, England, Irland, Island, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Rußland, Ungarn, Tschechien und den USA und bat die Souffleusen und Souffleure um Unterstützung.
Der Erfolg dieser Aktion war überwältigend. In meinem Briefkasten türmten sich die Antwortschreiben aus aller Welt. Ich erhielt seitenlange Briefe von Souffleusen (und auch einigen Souffleuren), die von meiner Idee begeistert waren und sich zu freuen schienen, einmal im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Sie schickten mir Zeitungs- und Rundfunkinterviews, Literaturhinweise etc., und viele luden mich ein, ihre Arbeit „live“ mitzuerleben. Ich reiste von Theater zu Theater und lernte Souffleusen und Souffleurkästen kennen, und es entstand ein reger Briefwechsel.
Die Souffleusen zeigten sich insgesamt sehr interessiert an der Arbeit ihrer Kollegen an anderen Theatern – sie fühlten sich nicht mehr so alleine mit ihrem seltenen Beruf. „Du mußt einmal einen Kongreß von Souffleuren machen!“ schlug mir Jeaume Tribó vom Gran Teatre de Liceu in Barcelona vor und schwärmte: „Zum ersten Mal auf der Welt tausend Souffleure zusammen...!“
Vielleicht wird es ein solches Treffen tatsächlich einmal geben. Ich beginne den Weg aus dem Dunkel des Soufflierkastens mit dieser Arbeit, die allen Souffleuren und Souffleusen gewidmet ist, die mir geholfen haben, und denen an dieser Stelle mein besonderer Dank gilt.

Cornelia Boese, Würzburg 1993

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