Wer hat Angst vor Virginia Woolf?

Ich war noch ziemlich neu am Haus,
da half ich mal im Schauspiel aus,
denn die Souffleuse hatte Fieber
und allen Schauspielern war's lieber,
wenn ich da saß, als gar niemand.
Zwar war das Stück mir unbekannt,
doch Gegenargument war's keins.

„Du setzt dich in die Reihe eins,
liest quasi als Maskottchen mit,
hältst deinen Mund und wir sind quitt!“
befahl mir der Protagonist.
Ich dachte mir: „Wenn's sonst nichts ist...“,
gehorchte drum und nickte stumm,
nahm's Buch und ging ins Publikum.

Der Albee faszinierte mich,
Virginia Woolf war toll, doch ich
vermißte bald für meinen Teil
sehr den Souffleusenkasten, weil
die Dame rechts, die parfümierte,
mir immerzu ins Textbuch stierte.

So saß ich da auf meinem Platz
und ich verfolgte Satz für Satz,
wie sich die Ehepaare stritten,
als völlig unerwartet mitten
auf Seite einhundertunddrei
ein Schauspieler ganz textfremd sei-
ne Frau beschimpfte und verfluchte;
ich blätterte schweißnaß und suchte
meinen entsprungenen Akteur,
(heiß wünschend, ich wär nicht Souffleur
geworden und spielt' irgendwas
wie Bratsche oder Kontrabaß,
was weniger Adrenalin
verschüttet) und entdeckte ihn
auf Seite hundertneunundsechzig.

Mein Stimmchen klang verzagt und krächzig,
als ich mich ins Geschehen mischte -
der Blick, den ich von ihm erwischte,
ließ mich sogleich jedoch verstummen:
Von mir vor Publikum zum Dummen
gemacht zu werden, ging ihm sich-
tlich geg'n die Ehre und den Strich!
Für einen glatten Stückverlauf
nimmt man schon mal 'nen Sprung in Kauf.

Daß es ein ganzer Akt fast war,
ward allen erst viel später klar,
die Logik litt darunter sehr,
und man verstand das Schauspiel schwer...

Das Publikum konnt' schon um zehn,
statt um halb elf nach Hause geh'n,
die Dame rechts, (die parfümierte),
war irritiert und kritisierte:
„Die hab'n das Stück ja sehr gekürzt!“,
und ich verließ höchst überstürzt
den Saal und dachte nur: „O je,
das Schauspiel ist nicht mein Metier...“
Denn ich gestehe jämmerlich:
Angst vor Virginia Woolf hab ich!

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